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erschienen am 23.05.2012 00:00 Uhr
zuletzt bearbeitet 13.06.2012 15:54 Uhr

 
Ökokatastrophe droht: Die Eger ist in Gefahr
Von Tamara Pohl
Dem Fluss droht womöglich eine Ökokatastrophe. Grund dafür ist eine Schlammflut, die sich aus dem Stausee in Leupoldshammer in das Gewässer ergießt.
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Text: Der abgesenkte Stausee in Leupoldshammer. Hier liegt die Ursache des Schlamms, der das Leben im Fluss Eger bedroht - wie im Hintergrund zu sehen ist. Fotos: Florian Miedl

Leupoldshammer - Die Bürger haben sich gewundert. Spaziergänger wollen seit Tagen beobachtet haben, dass sich die Eger verändert hat. Sie sei dunkel, schlammig. Wo man sonst bis fast auf den Grund sehen kann, fließe nun eine trübe Brühe.

Tatsächlich hat die Eger zurzeit einen Farbton zwischen braun und oliv. Und sie riecht seltsam. Nach Schwefel, nach Mineralien. Als Dr. Harald Stöberer dies von Dr. Robert Klupp von der Fischereifachberatung des Bezirks Oberfranken erfährt, lässt er gestern alles stehen und liegen und fährt nach Sommerhau. "Mein Herz blutet, wenn ich das sehe", klagt der Mann, der das Fischereirecht für zwei Abschnitte der Eger zwischen Leupoldshammer und Hohenberg im Kreis Wunsiedel hat. Das Zwischenstück befischt sein Freund Günter Lang. Der steht nun mit einem Eimer auf dem Hof, darin eine tote Schleie, die er eben erst aus der Eger gezogen hat. "Gäste waren nachtangeln auf Aale, die haben richtige Dreckbatzen aus dem Wasser gezogen", sagt er. Auch er hat soeben Dreck aus der Eger gezogen. Dichten, feinen, schwarzen Schlamm.

Marco Bernhardt ist Abteilungsleiter beim Wasserwirtschaftsamt Hof und zuständig für den Landkreis Wunsiedel. Auch er und seine Kollegen sind von Bürgern informiert worden, dass irgendetwas mit dem Wasser nicht richtig sein kann. "Am Montag ist der Flussmeister rausgefahren und hat bestätigt, dass der Fluss verschlammt ist."

Am Leupolds-hammer wird die Eger gestaut, weil dort ein Wasserkraftwerk steht. Vor rund einem Jahr hat es die WKW Hirschsprung GmbH gekauft, die im Besitz der Familie Reif ist. Die neuen Inhaber sanieren derzeit die drei Kraftwerke an der Eger in Leupoldshammer, Neuhaus und Silberbach - in diesem Rahmen wurde auch der Stausee in Leupoldshammer abgesenkt, um unter anderem neue Schützen in die Staumauer einzulassen. "Die alten wären im Notfall gar nicht mehr aufgegangen", sagt Clemens Reif. Der Notfall wäre ein Hochwasser, bei dem der See kontrolliert abgelassen werden müsste. Doch mit der Absenkung begann aus Sicht des Wasserwirtschaftsamts das Unglück. "Ich möchte sagen, dass der Stauraum hinter der Staumauer seit Jahrzehnten nicht gesäubert wurde", erklärt Bernhardt. "Als der Grundablass geöffnet wurde, um den See abzulassen, ist der Schlamm ausgespült worden."

Gestern waren Vertreter des Landratsamtes, des Wasserwirtschaftsamtes und der Gewässeraufsicht vor Ort - sie haben die Angestellten angewiesen, den Grundablass soweit wie möglich zu schließen, ohne dass die Eger dahinter trocken gelegt wird.

"Das Problem an diesem Schlamm ist, dass er so fein ist", sagt Marco Bernhardt, "er setzt sich in das Lückensystem des Gewässers und tötet Larven, Würmer und dergleichen. Und er bleibt dort, da kommt kein Leben nach. Damit fehlt den Fischen die Nahrungsgrundlage. Und das kriegt man schlecht in den Griff - wie soll man den ganzen Schlamm raus-putzen?" Zwar habe man auch schon die Wiesent entschlammt, doch das sei aufwendig und teuer. Nun bleibe abzuwarten, was die Auswertung der genommenen Proben ergebe.

Das sehen Clemens und Dr. Christian Reif ebenso. Die Inhaber waren gestern beruflich unterwegs und deshalb nicht vor Ort, als das Wasserwirtschaftsamt kam. "Wir haben den See gesenkt, das haben wir vorher dem Wasserwirtschaftsamt schriftlich angezeigt, die Zuständigen kamen dann zur Begehung und wir haben die Auflage bekommen, den See langsam abzusenken, über einen Zeitraum von etwa zwei Wochen", erklärt Clemens Reif. "Wir wussten alle, dass Schlamm drin ist." Christian Reif bestätigt das: "Das war auch dem Amt klar, deshalb haben wir die Auflage bekommen, das Wasser langsam abzulassen."

Harald Stöberer sorgt sich wegen des Schlamms: "In den Stausee sind zum Beispiel über den Selbbach früher jahrelang die Abwässer der Porzellanindustrie eingeflossen - Kobalt, Blei und was da sonst noch drin sein könnte." Stöberer fürchtet ein mögliches Fischsterben: "Wir haben hier Schlammpeitzger, Bachneunaugen, Aalrutten, Äschen - die sind alle von dieser Katastrophe betroffen." Er hat auch die Eisvögel, Schwarzstörche und Amphibien im Blick; und er macht sich auch seine Gedanken, wie die Eger inzwischen auf tschechischer Seite aussehen mag.

"Was früher in den Fluss geleitet wurde, dürften die Behörden besser wissen als wir", ist sich Clemens Reif sicher. Christian Reif glaubt nicht, dass der Schlamm industrielle Schadstoffe birgt: "Bei jedem Hochwasserereignis geschieht eine Grundspülung des Flussbetts." So werde regelmäßig Schlamm aufgewirbelt. Zudem hätten die Fischereiberechtigten am Stausee noch kein Fischsterben beobachtet - "und die Fische dort sind auch nicht belastet; man kann sie mit Genuss essen".

Marco Bernhardt ist betroffen von den Auswirkungen: "Wenn im Schlamm noch Faulprozesse ablaufen, die dem Wasser den Sauerstoff entziehen, kann der Fluss kippen. Mit den Wasserkraftwerken muss man sorgfältig umgehen. Der Betreiber braucht keine Genehmigung, wenn er den Stausee absenken will, aber er muss sich den nötigen Sachverstand hinzuziehen. Dieses Dilemma hätte vermieden werden können. Auf natürlichem Weg würde es Jahre dauern, bis sich der Fluss erholt."

Christian Reif ist zuversichtlicher: "Bei einem Hochwasserereignis mit 40 bis 60 Kubik Durchlauf in der Stunde spült es das alles weg."

Bild:
Text: Eine verendete Schleie hat der Fluss in Sommerhau ans Ufer getrieben.
 
 
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